Charme der Spontaneität

Von Anne Reinert
Osnabrück.

Neun Bands, zwei Bühnen – mehr braucht das Nezzerama nicht, um in die Lagerhalle zu kommen. Das Festival war ein voller Erfolg.

Strothmann & Günzel heißen die zwei jungen Herren im Anzug. Das klingt nach Geschäftstypen. Doch die beiden Männer haben trotz korrekten Aufzugs mit Geschäften vermutlich nicht viel im Sinn. Sie machen Musik, ziemlich gute sogar. Die kommt auf der kleinen Bühne so gut an, dass Hauptact Safkan nebenan auf der großen Bühne erst einmal auf sein Publikum warten muss. Denn das Publikum kann sich nicht von Boozed-Sänger Markus Strothmann, Günzel und ihren akustischen Coverversionen lösen.

Kleine Bühne, aber oho. Auf dem Nezzerama lohnen sich nicht nur die Acts im Saal der Lagerhalle, sondern auch die mit dem etwas kleineren Rahmen im Foyer. Da gibt es etwa auch Answers (from the great beyond) mit ihrem elektronisch-sphärischen Pop und Sängerin Jane Bodega, deren Stimme irgendwo zwischen damenhaft und biestig verortet ist.

Das Nezzerama hat sich ganz schön gemacht. Angefangen hat alles vor ein paar Jahren in einem alten Kotten in der Nähe von Greven, wo die Band nezzer mit einigen befreundeten Bands ein Konzert gab. Beim nächsten Mal fand das Festival im Ostbunker statt, dann im Con3 und jetzt das: Bei der vierten Ausgabe des Nezzerama ist die Lagerhalle mehr als gut gefüllt.

„Das übertrifft alle meine Erwartungen“, freut sich nezzer-Sänger Tifty, nach dessen Band das Festival benannt wurde. Er und seine Mitveranstalter haben zwar darauf gehofft, dass es so kommen würde. Dass tatsächlich so viele Zuhörer da sind, scheinen sie dann kaum glauben zu können. Doch trotz allen organisatorischen Aufwands hat sich das Nezzerama immer noch den Charme eines spontanen Events erhalten. Das macht es besonders symphatisch.

Musikalisch ist das Nezzerama sehr vielfältig. Da sind Safkan mit ihrer Rockmusik, deren Würze die türkischen Texte von Timur Safkan sind. Nicht nur „Leyla“ ist längst ein Hit. Auch mit Liedern über enttäuschte und traurige Lieder erreichen Safkan ihr Publikum. Und dann sind da noch die von der Hamburger Schule inspirierten Mangelware, die poppigen Dolby Chantal, die Indierocker Therapiezentrum, die harten Rocker Credenza und Gothikrocker Area24 mit nebliger Bühnenshow und an die 80er erinnernden Sound. An die 80er erinnert auch der Indierock von Festival-Namensgeber nezzer. Bei ihren darf es trotz Gitarrenrock schon mal ein Pet-Shop-Boys-Cover („Rent“) sein.

Covern ist ohnehin längst eine Kunst für sich geworden, wie Strothmann & Günzel beweisen, die die Überraschung des Abends sind. Aber Safkan schaffen es doch noch, die Zuhörer vor ihre Bühne zu locken und die Energie im Raum ein letztes Mal kräftig aufwallen zu lassen. „Ohne euch würde das alles keinen Spaß machen“, freut Gitarrist Matthias Lohmöller sich über das tanzende Publikum. Das Kompliment geht an die Bands und die Festivalmacher zurück.


Neue OZ, 16.03.2009